Streiflicht: Die Krankengeschichten

Heilen heisst auch Schreiben: Im 19. Jahrhundert legten Ärzte und Schwestern des Diakonissenspitals erste Krankengeschichten an. Die Dokumentation der Diagnose- und Therapieprozesse wurden im 20. Jahrhundert immer ausführlicher. Viele dieser jüngeren Krankengeschichten sind erhalten geblieben.

Die Krankengeschichten füllen rund hundert Laufmeter der Regale des Historischen Spitalarchivs. Die Auf- zeichnungen aus den späten 1920er- bis in die 1980er-Jahre sind fast vollständig erhalten geblieben. Aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert existiert dagegen nur noch eine Auswahl an Krankengeschichten. Sie dokumentieren unter anderem die Gallenwegs- und Kropfoperationen, die chirurgischen Spezialgebiete des Riehener Spitals.

Die Unterlagen sind chronologisch geordnet: Knappe Aufzeichnungen zu Bagatellunfällen stehen neben ausführlichen Berichten zu langwierigen Erkrankungen mit tödlichem Ausgang, unzählige Fieberkurven und Laborberichte neben Angaben zu den Lebensumständen der Behandelten. Die zugehörigen Register – dicke, handschriftlich geführte Folianten – sind hier ein unentbehrliches Hilfsmittel, ermöglichen sie doch eine gezielte Suche nach bestimmten Personen, Krankheitsbildern oder Berufszugehörigkeiten. Sie decken – von einer kleinen Lücke abgesehen – einen Zeitraum von rund hundert Jahren ab, der von 1865 bis in die 1960er-Jahre reicht.

Die Krankengeschichten dokumentieren, wie umfassend sich die medizinische Praxis im 19. und 20. Jahrhundert gewandelt hat. Sie zeigen aber auch, dass das Spital keine Insel war, sondern dass seine Entwicklung eng mit den politischen, soziokulturellen und wirtschaftlichen Dynamiken der Region verklammert war: Die Unterlagen enthalten sehr oft Angaben, die über den medizinischen Kontext hinausgehen. Sie eröffnen dadurch Einblicke in die Lebenswelten der Patientinnen und Patienten. So kann man aus den Aufzeichnungen zum Beispiel erfahren, wie sehr die Lebensumstände und Berufe viele Menschen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein physisch forderten und gefährdeten: Wenn die Krankengeschichten Schilderungen von Unfällen von Handwerkern und Bauern enthalten oder wenn sie auf die Erschöpfungszustände von Arbeiterfrauen eingehen, eröffnen sie ungewohnte Einblicke in den Alltag in Riehen und der Region Basel. Sie lassen sich deshalb auch für lokal- und sozialhistorische Fragestellungen fruchtbar machen.

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